Neuigkeiten - “Compliance muss auf den Radarschirm des Top-Managements …”

compliance care - Top Management

Compliance Care: Herr Dr. Eckert, was für einen Stellenwert räumen Geschäftsführer, Vorstände und Bereichsleiter in Unternehmen dem Thema Compliance ein?

Dr. Tilman Eckert: Compliance kommt zunehmend auf den Radarschirm

des Top-Managements – auch im Mittelstand. Gründe hierfür sind zum einen die verschärften gesetzlichen Vorschriften und die strengere Rechtsprechung, beispielseweise extra-territorial wirkender, strenger Gesetze wie der UK Bribary Act. Insgesamt besteht heute ein erheblich höheres Haftungsrisiko. Zum anderen tragen die fast täglich neu bekannt werdenden Compliance-Skandale, die verhängten Sanktionen und die intensive Medienberichterstattung dazu bei. Unternehmen engagieren sich vermehrt auch in Bereichen wie “Nachhaltigkeit”, “Corporate Social Responsibiliy” oder “Fair Trade”. Nachlässigkeiten bei Compliance oder bekannt werdende Compliance-Verstöße können alle diese Bemühungen auf einen Schlag zunichte machen.

Compliance Care: Wo liegen aus Ihrer Sicht die wichtigsten Mehrwert-Potenziale eines professionellen Compliance-Managements?

Dr. Tilman Eckert: Compliance muss nicht ein “lästiges Übel” oder den Aufbau von “Bürokratie” bedeuten. Professionell umgesetzt und aktiv kommuniziert, kann das Vertrauen in die Unternehmensführung bei den wesentlichen Stakeholdern wie Kunden, Investoren, Banken oder Behörden erhöht werden. So kann zum Beispiel durch höheres Vertrauen und eine stärkere Kundenbindung erzeugt werden – etwa mit Blick auf einen besonders sorgfältigen Umgang mit personenbezogenen Kundendaten. Das Unternehmen sollte seine Bemühungen im Bereich Compliance also nicht nur nach innen richten, sondern aktiv nach außen kommunizieren. Auch bei öffentlichen Ausschreibungen kann es einen erheblichen Pluspunkt darstellen, wenn das Unternehmen auf seine überdurchschnittlichen Bemühungen zur Compliance verweisen kann. Schließlich kann sich auch bei Verhandlungen über die Höhe der D&OVersicherungsprämien oder Finanzierungskonditionen das Argument, über umfassende Compliance-Maßnahmen zu verfügen, finanziell positiv auswirken.

Compliance Care: Auf welche Missstände stoßen Sie in der Praxis auf Unternehmensseite?

Dr. Tilman Eckert: Bei Managern herrscht nicht selten noch ein „Mindset“ vor, den ich

mit den “10 Compliance-Todsünden” beschreibe, und der die Wahrscheinlichkeit von

Compliance-Vorfällen erhöht:

  • „Compliance ist ein lästiges Übel, das uns nur am Geschäftemachen hindert.“
  • „Im Vorstand und Aufsichtsrat haben wir wichtigere Themen, als uns mit ‚Compliance’ zu befassen.“
  • „Wenn bei uns ein Compliance-Verstoß passiert, sitzen wir das Thema aus, denn die Medien sind flüchtig und neue Nachrichten überlagern alte.“
  • „Preise, Rabatte und Marketingpläne mit anderen Firmen derselben Branche abzustimmen, machen alle, das ist doch Usus.“
  • „Ohne ‚Schmieren’ geht in manchen Ländern nichts.“
  • „Wenn wir gewisse Dinge nicht selbst machen dürfen, schalten wir dafür externe ‚Intermediäre’ ein.“
  • „Wir haben bei uns im Unternehmen alle möglichen Policies und Richtlinien eingeführt, das muss doch reichen.“
  • „Wir haben da jemanden intern beauftragt, der soll sich mal um Compliance kümmern.“
  • „Wenn etwas passiert, trifft es ja das Unternehmen bzw. die Haftpflichtversicherung, nicht mich als Manager.“
  • „Compliance ist ein Mode-Thema – die Welle geht auch vorüber.“

Compliance Care: Bitte beschreiben Sie eine Erfolgsgeschichte, wo Compliance-Maßnahmen auch zu einem merklichen Vorteil geführt haben.

Dr. Tilman Eckert: Ein bekanntes mittelständisches Unternehmen setzte klare

Compliance-Standards um. Schmiergelder oder ähnliche Praktiken, die zuvor zur Erlangung von Aufträgen eingesetzt wurden, wurden ausdrücklich eingestellt. Das Unternehmen – einschließlich des Top-Managements – positionierte sich so, dass auf “unsauberes” Geschäft in jedem Fall verzichtet werden muss („Zero Tolerance Policy“). In der Folge war feststellbar und messbar, dass der erhebliche “Schwund” in den Lagerbeständen des Unternehmens, der auf eigene Mitarbeiter zurückgehen musste und der einen signifikanten finanziellen Schaden verursacht hatte, ebenfalls deutlich und messbar nachließ. Offenbar bestand ein Zusammenhang zwischen “unsauberem” Vorgehen nach außen und der Einstellung von Mitarbeitern, gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Der CEO beschrieb dies so: “Mitarbeiter, die nach außen moralisch fragwürdige Vorgehensweisen einsetzen, scheuen auch gegenüber ihrem Arbeitgeber nicht vor Straftaten zurück.” Mehrere Unternehmen haben auch berichtet, dass seit Einführung strikter Compliance-Regeln und –Kontrollen die Umsätze keineswegs zurückgegangen seien, sondern sich häufig sogar verbessert haben.

Compliance Care: Wie können Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichtsräte und Bereichsleiter wissen, ob in ihrem Unternehmen alles umgesetzt wurde, um Compliance wirksam sicherzustellen?

Dr. Tilman Eckert: Um Compliance-Verstöße nach Möglichkeit zu verhindern oder erheblich zu erschweren, muss das Management systematisch an Compliance-Themen herangehen, also ein Compliance Management System (CMS) aufbauen. Sehr hilfreich sind dabei Compliance Self-Assessments wie die Compliance-Analyse direkt, da sie den Ist-Zustand analysieren und in der Auswertung umfangreiche Hilfestellung für eine Verbesserung und Hinweise auf die zu beachtenden Rahmenbedingungen geben. Solche Compliance Self-Assessments können auch gut zur Vorbereitung einer Zertifizierung des CMS dienen, etwa nach dem Standard 101:2011 („Standard für Compliance Management Systeme“).

Compliance Care: Welche Vorzüge bieten Interim Manager bei Compliance-Projekten?

Dr. Tilman Eckert: Interim Manager bringen eigene unternehmensinterne Erfahrung aus verantwortlichen Positionen und eine unternehmens- und fachübergreifende Sichtweise mit. Aufgrund ihres Marktüberblicks können sie ein “Benchmarking” ermöglichen und eine “Best Practice” implementieren. Sie verfügen über einen unabhängigen und unverstellten Blick auf das Unternehmen. Interim Manager bringen eine gesunde Mischung aus konzeptioneller, ganzheitlicher Herangehensweise und operativer Implementierungsstärke mit.

Compliance Care: Herr Dr. Eckert, wir danken Ihnen für das Interview.

Kurzprofil Dr. jur. Tilman Eckert, LL.M. (University of Virginia), MBA (OPEN University)

Herr Dr. Eckert unterstützt Unternehmen als Interim Manager beim Aufbau ihrer Compliance-Organisation, der Analyse der Compliance-Situation, der Entwicklung von Compliance-Richtlinien, der Verbesserung der Compliance-Kultur und -Kommunikation, dem internationalen Roll-out des Compliance-Programms etc. Er hat bereits im Jahre 2007 die bundesweite Zertifizierung des Compliance-Bereichs eines namhaften Unternehmens veranlasst und umgesetzt. Darüber hinaus hat er maßgeblich an der Entwicklung des „Standards für Compliance Management Systeme“ (TR CMS 101:2011) mitgewirkt. Herr Dr. Eckert hat daneben zahlreiche Projekte u.a. in den Bereichen „M&A, Kooperationen, Joint Ventures, Restrukturierungen, Post-Merger Integration“ realisiert.

Er kennt Unternehmen sowohl aus eigener Tätigkeit in verantwortlichen internen Positionen als auch aus externer Perspektive bei zahlreichen Beratungs- und Interim-Projekten. Zu seinen Auftraggebern zählen mittelständische Unternehmen, DAX-Konzerne und ausländische Konzerne. Seine Ausbildung in den Bereichen Recht und Wirtschaft hat er in Deutschland, der Schweiz, UK und den USA absolviert.